| Dr. vet Lauritz Raulitz | Als
übertrieben tierlieb kann man mich nicht bezeichnen. Hunde und Katzen
finde ich durchaus ok, solange sie in anderer Leute Garten ihre Notdurft
verrichten und mich auch sonst nicht belästigen etwa beim Joggen im
Wald. „Der tut nichts, der will nur spielen…", ich kann diesen Spruch nicht mehr hören, denn bei meinen Begegnungen mit diesen lieben Tieren verbirgt sich meistens eine zwangsneurotische, tollwütige Bestie hinter „Dertutnix". Auf meine Bitte, ihren Hund doch an die Leine zu nehmen, reagieren die Hundebesitzer erstaunt, beleidigt oder überhören meine Bitte. Wenn ich die knurrenden und sabbernden Viecher an meinen Hosenbeinen hängen habe, lassen die Hundebesitzer unweigerlich den Spruch los: „Ach sowas….das hat er noch nie gemacht!" Meine Nichten und Neffen dagegen mag ich; sie wehren sich gegen allerlei pädagogische Bemühungen in ihrer Umgebung und ihrer Eltern, die ich auch hin und wieder merkwürdig finde und habe mit ihnen einen Pakt geschlossen: Sie lassen mich an ihrem Leben teilhaben und ich mache keine pädagogischen Übungen mit ihnen. Das klappt hervorragend und natürlich freue ich mich, dass ich meine Nichten und Neffen wieder bei ihren Eltern, meinem Bruder und seine Frau, abladen kann, wenn wir genug getobt haben. Im Sommer fiel meinem Bruder ein, dass er seinem Ökotrieb unbedingt frönen müsse: er baute eine Solarheizung, wir grillten nur noch mit ökologisch einwandfrei hergestellter Holzkohle –was übrigens dem Geschmack des Grillgutes nichts Nachteiliges anhaben konnte- und er schaffte sich Hühner an, damit meine Nichten und Neffen das „wahre" Landleben miterleben können. Dafür baute er einen Hühnerstall, der es in sich hatte: Infrarotbeleuchtung, damit die Hühner es schön muckelig warm haben, eine Eingangstür, auf der „Für Füchse verboten" steht und handgeformte Strohnester für das ungestörte Eierlegen im Wellnessbereich. Ein wahres Hühnerparadies, das die 7 braunen Leghorns aber nicht so recht zu würdigen wussten. Sie büchsten schon einmal aus, scharrten in Nachbars Garten, wo seine liebevoll angepflanzten Salatsetzlinge den scharrenden Hühnern zum Opfer fielen. Als nun vor einer Woche ein Huhn mit hängenden Flügeln –ich glaube es war „Brilla"- im Stall herumstand, von den anderen Genossinen (einen Hahn gibt es nicht) heftig gemobbt wurde, bat mich mein Bruder, mit Brilla doch zum Tierarzt zu gehen. „Bist du nicht bei Trost? Weißt du eigentlich, wie lächerlich das ist? Warum machst du es nicht selbst?" „Ich muss noch die Zeichnung fürs Büro fertig machen. Es ist dringend nötig, dass ich das persönlich mache. Bitte, geh‘ für mich mit dem Huhn zum Arzt. Deine Nichten und Neffen sind schon ganz traurig…" Mit dem Hinweis auf meine traurigen Nichten und Neffen hatte er meine weiche Stelle erwischt und ich machte mich leise murrend auf den Weg zu Dr. vet Lauritz Raulitz. Der Name ließ Einiges vermuten und ich machte mich mit Huhn Brilla im umweltfreundlichen Karton auf den Weg zu ihm. In der Praxis hieß mich eine leicht schielende, dafür aber unfreundliche Helferin mein Anliegen mit dem flügellahmen Huhn vortragen, sah mich einige Sekunden wortlos an, in denen ich deutlich die Gedanken, die sie sich zu meinem Vortrag machte, in ihrem feixenden Gesicht ablesen konnte; es war wenig wertschätzend. Ich solle bitte im Wartezimmer Platz nehmen, der Herr Dr. würde mich dann rufen. Im Wartezimmer fühlte ich mich vom ersten Augenblick meines Eintretens fehl am Platze. Eine junge Frau schlichten Gemüts saß in der Nähe des Eingangs und hatte es geschafft, einen riesigen, dickbauchigen Kater in einen Käfig zu stopfen, der viel zu klein für das wohlgenährte Tier war. Das Ensemble sah aus, als seien die Gitterstäbe das Korsett des Tieres. Da mir nichts anderes einfiel zu sagen, sie mich aber auffordernd ansah, bemühte ich mich mit einem: „Boa, ist das aber ein fetter Kater", um eine halbwegs ehrliche und zugewandte Anrede. Es einte uns ja alle der Wunsch, dass es unseren Tieren nach der profunden Behandlung des Dr. Lauritz Raulitz wieder besser gehen würde, also auch der Kater aus seinem als Käfig getarnten Korsett entfernt und geheilt werden würde. „Ich füttere ihn auch nicht alleine; der holt sich überall etwas und frisst alles, was man ihm gibt." Ich setzte mich etwas entfernt von der jungen Dame auf einen Stuhl, als sie mich fragte: „Was hast du denn in dem Karton?" Die Augen der Anwesenden richteten sich auf mich und ich wusste in diesem Moment, dass ich zum letzten Male hier bei Dr. vet Lauritz Raulitz war! Das schwor ich mir hoch und heilig. „Ein Huhn". „…..??????" „Es lässt die Flügel hängen… es hat wahrscheinlich etwas Falsches gefressen…Hühnerbips oder so…" Ich ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen. Die anderen Beisitzer im Warteraum starrten mich auch nur für kurze Zeit an, denn meine Stuhlnachbarin, eine ältere Dame mit einem ältlichen, hechelndem Mops auf dem Schoß meldete sich erfreut zu Wort, da es jetzt so schön still war: „Ich lasse vom Doktor meinem Fritz die Analdrüse ausdrücken. Wissen Sie, er hat so Problem mit seinem Geschäftmachen. Aber der Doktor ist da ganz toll und hilft ihm immer. Da reicht eine Behandlung für eine Woche und Fritz ist dann immer sehr erleichtert." Sie sah mich auffordernd an, doch etwas Mitleidiges zum Problem des Mopses beizutragen und ich ließ meiner Rührung mit dem Satz: „Oh ja,…hmmm, schlimm", nur bedingt freien Lauf. Eigentlich wollte ich von den tierischen Krankheiten gar nichts wissen, als ein neuer Patient, eine Schildkröte auf dem Arm ihres Besitzers, das Wartezimmer betrat, sich umsah, den Kopf beim Anblick des Käfigkaters erschreckt zurückzog und seinen Besitzer laut ausrufen ließ: „Boh, was für ein fetter Kater!" Die junge Besitzerin erklärte erneut und durchaus routiniert, dass alle Nachbarn den Kater füttern würden usw. „Was hat denn deine Schildkröte?" Ich war froh, aus dem Schussfeld des Interesses geraten zu sein, atmete einmal tief durch und erwartete die Antwort der Schildkröte, respektive ihres Besitzers. „Sie ist schwanger." Die Antwort verblüffte nicht nur mich; auch die anderen Tierbesitzer schauten irritiert den Schildkrötenmann an, der sich nichts anmerken ließ. „Schwanger…?" Die junge Dame ließ nicht locker. „Ja, schwanger!", bekräftigte der Besitzer und die Sache war für ihn ausgestanden. Die junge Dame wandte sich dem hechelnden Mops zu und fragte erstaunt: „Geht das denn?" Der Mops wusste keine Antwort, aber seine Besitzerin bejahte eifrig und setzte: „Das hält aber immer nur für eine Woche, dann muss ich wieder herkommen.", hinzu, als eine weitere Patientin das Wartezimmer betrat. In einem kleinen, durchsichtigen Terrarium konnten wir eine handtellergroße Vogelspinne sehen, die einen lebhaften Eindruck machte. „Wow, ist das aber mal ein fetter Kater!" rief die Besitzerin aus, woraufhin die junge Dame ihren Text über den fremd- und überallfressenden Kater abspulte. Jetzt betrat Dr. vet Lauritz Raulitz den Warteraum und rief mich auf, ihm zu folgen. Mühsam riss ich mich vom Anblick des Katers los und folgte dem Doc ins Behandlungszimmer. Als ich ihm mein Begehren geschildert hatte, schaute er mich an, zuckte mit den Achseln und bat mich, das Huhn gut festzuhalten. Dann stocherte er mit einem langen und dünnen Stück Holz in ihrem Schlund herum und zauberte eine übel riechende, grünlich schleimige Paste aus ihrem Kropf, wedelte sie vor seiner Nase hin und her und roch daran wie an einem seltenen, französischen Rotwein. Der Gestank des Schleimes ließ meine Magennerven rebellisch werden, während der Doc immer weiter roch und schnüffelte. „Tja…hmmm…also ich glaube ich weiß, was es ist." Erneut schnupperte er und wedelte sich mit dem Schleimpfropfen jetzt zu. „Also, ich gebe ihnen hier etwas, das sie dem Huhn verabreichen müssen. Wenn sie das Tier essen wollen, müssen sie aber wenigstens drei Wochen warten, weil diese Medikamente ein echter Hammer sind." Wäre ich zu ihm gegangen, wenn ich das Tier hätte essen wollen? Er entließ mich aus seinem Behandlungszimmer, legte eine mit Blut besudelte Plastikschürze an, die ihm ein wenig vertrauensvolles Aussehen verlieh und betrat das Wartezimmer. „Wow, ist das aber mal ein fetter Kater!", war das letzte, was ich hörte, als ich die Praxis verließ. …dem Huhn Brilla geht es besser. Nachdem es zunächst ins Gästezimmer meines Bruders einzog, verlebte es anschließend einige Tage unter einer speziellen Rotlichtlampe im wohnlich hergerichteten Bügelzimmer. Nur das Wiedereingliedern in den sozialen Verband der außenwohnenden Leghorns verlief nicht ohne Komplikationen. Durch das „Hammermedikament" gestählt, eroberte Brilla die Führung in der Mädchentruppe und ich habe den Eindruck, dass sie jedes Mal schrill gackert, wenn ich mich dem Stall nähere… |
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Gewitter |
Ich konnte es sehen, fühlen und auch
riechen. Ja, ehrlich, ich konnte es riechen. Ein leicht öliger
Geruch, gemischt mit saurer, vergorener Milch. Es war schon viel
früher da und ich bemerkte es zu spät. Sicher lauerte es schon seit
vielen Stunden und wartete auf den günstigsten Moment, sich zu
zeigen.
Warum ich? Ich bin eine
rechtschaffene Frau, 45 Jahre alt… na gut, ich bin 49 Jahre alt und
sehe ganz gut aus für mein Alter. Keiner gibt mir 49 Jahre, wissen
Sie? Alle die ich kenne sagen, dass ich jünger aussehe.
Meine Kinder sind 19 und 20 Jahre
alt; beide haben Abitur gemacht und studieren jetzt in Tübingen
Biologie der ältere und in Kiel Meeresbiologie der jüngere. Sie
rufen mich immer drei Mal in der Woche an und erzählen von ihrem
Studium, ihren Plänen. Wir lachen dann oft am Telefon und freuen
uns, dass es allen gut geht.
Mein Mann ist schon vor 15 Jahren
gegangen. Sie kennen das bestimmt: „Liebling, ich gehe Zigaretten
holen", sagte er und ging. Er nahm seinen Mantel vom Haken und trat
hinaus in die Dunkelheit. Kein Zurückschauen und keinerlei
Gewissensbisse. Ich folgte ihm unauffällig und sah sie bereits auf
ihn warten an der Ecke zur Eckernförder Sparkasse. Einen Mantel trug
sie, wie er und sie umfasste sofort seine Schultern, küsste ihn und
zog ihn weiter, nur weg von seinem Zuhause.
Ich hatte es ja geahnt und war nicht
einmal überrascht! Dass ich damals so ruhig und überlegt bleiben
konnte, hatte wohl seinen Grund darin, dass ich mich um die Kinder
zu sorgen hatte; keine Ausflüchte und kein Zagen! Ich kümmerte mich
um die beiden Jungs und ersetzte ihnen den Vater, den sie von Stund
an nicht mehr hatten.
Konnte ich etwas dafür, dass er
gegangen war? Hatte ich ihm nicht alles geboten, was er sich nur
wünschen konnte? Immer gab es ein gutes Essen, pünktlich stand es
auf dem Tisch und ich versuchte stets, seine Lieblingsessen zu
bereiten. Knödel, Kartoffelsalat und Nudeln, Penne mit Rinderbraten
gab es sonntags.
Ich hielt die Wohnung sauber und
machte es ihm recht, so gut ich konnte.
Ach, Schwamm drüber; das hat sicher
nichts damit zu tun, dass es jetzt hier in meinem Schlafzimmer
hinter dem Vorhang sitzt und mich einschüchtern will: einschüchtern!
Es will mich einschüchtern! Aber das schafft es nicht, auch wenn es
nach saurer Milch riecht und auch sonst so tut, als wäre es schon
viel länger da und würde auf mich warten. Vielleicht ist es auch
eben erst gekommen? Hat sich hineingeschlichen, als ich mit
Gottfried telefonierte. Gottfried ist mein Ältester, der jüngere
heißt Ernst-Günter. Gottfried sagte mir etwas am Telefon, das mir
nicht gefiel; er hat jetzt eine Freundin, sie studiert auch Biologie
und ist in einer Fachschaft. Ich weiß nicht was das ist, aber
Gottfried meint, dass sie politisch aktiv ist und er sich auch
Gedanken um die Zukunft macht. Er möchte ein Semester aussetzten und
in Australien studieren; dort gäbe es noch so viel zu erforschen und
er könnte es sich gut vorstellen dort.
Australien, so weit fort! Ich habe
ihm gesagt, dass er hierbleiben soll und wie bisher jedes Wochenende
nach Hause kommen, aber er will nicht. Das hat SIE ihm
eingeflüstert; sie will ihn für sich. Und jetzt sitzt dieses, dieses
Ding hier und verbreitet einen üblen Geruch, nervt und bringt mich
doch ein wenig ins Schwitzen. Nur ein wenig, verstehen Sie? Nichts,
worüber wir uns Sorgen machen müssten, Sie und ich meine ich.
Riechen Sie es auch? Es ist doch vergorene Milch oder? Und spüren
sie es auch? Ich meine: Spüren Sie es so deutlich wie ich?
Als mein Mann noch da war, saß er
meistens im Ohrensessel im Wohnzimmer und sah fern oder las die
Zeitung. Wissen Sie, wir unterhielten uns nicht besonders viel. Ich
wusste aber immer, wo er war, denn ich spürte das! Wenn ich in der
Küche noch aufräumte und er im Wohnzimmer saß, wusste ich, dass er
im Ohrensessel sitzt und die Zeitung liest. Ich wusste das, ohne
dass ich nachsehen musste, ich wusste es einfach!
Und genau dieses Wissen ist jetzt
auch da: ich weiß einfach, dass es da ist und lauert! Es wartet, bis
ich einen Fehler mache und dann packt es mich. So lange ich noch
wach bin, kann es mich nicht unbemerkt überrumpeln, aber wenn ich
nachlässig werde, dann schnappt es zu. Ich werde das verhindern,
bestimmt werde ich das!
Meinem Gottfried habe ich auch
gesagt, er soll erst einmal am Wochenende nach Hause kommen; dann
sehen wir weiter. Aber er will nicht; dieses Mädchen, diese
politische, sie setzt ihm Flausen in den Kopf. Er ist doch viel zu
jung dafür! Ich werde sie mir einmal vornehmen müssen. Aber zuerst
muss ich mich hier konzentrieren.
Da, der Vorhang bewegt sich und ich
glaube, es hat ein Messer; es blitzte doch eben dort aus der Ecke
oder?
Bei Gewitter hatte ich immer Angst.
Als mein Mann in die Dunkelheit hinaustrat vor 15 Jahren, tobte auch
gerade ein Gewitter und es war schwül. Ich folgte den beiden, als
ein entsetzliches Donnern über uns hereinbrach, Der Regen wollte
noch nicht einsetzen, aber das Gewitter wurde heftiger. So konnte
ich sehen, dass sie schneller liefen. Sie kamen an dem Juwelierladen
von Jacobsen vorbei, als ich schon ganz dicht hinter ihnen war.
Bernhard drehte sich um und sah mich erschreckt an. Zu spät, dachte
ich nur, zu spät.
Soll ich mich bewaffnen, damit ich
vorbereitet bin, wenn es mich überfallen will? Ich glaube, wenn ich
mich jetzt von hier weg bewege, dann packt es mich; darauf hat es ja
nur gewartet. Also muss ich auf der Hut sein und mich sehr gut
konzentrieren. Wenn etwas geschieht, dann kann ich schnell und
kräftig handeln! Oh ja, das kann ich! Mein Mann hatte es auch
erfahren müssen bei Juwelier Jacobsen. Das große Messer, das er am
Tag vorher hatte schärfen lassen, war in meiner Hand und stach von
ganz alleine zu. Ein Donner betäubte meine Ohren und niemand im
Umkreis hörte die Schreie, weil sich die Donnerschläge in der engen
Kieler Straße gefangen hatten und von einer Häuserseite zur anderen
brandeten. Seine Freundin sagte nichts, stand starr vor Schreck und
das Messer, dieses wunderbare Messer mit der scharfen Klinge tat
seinen Dienst ohne mein Zutun. Das müssen sie mir glauben! Sie
glauben mir doch? Es glitt immer wieder in den Bauch der Frau als
sie schreien wollte, ….
Da, jetzt hat es sich bewegt! Ich
rieche jetzt, dass es in der anderen Ecke sitzt. Wie ist es dorthin
gelangt? Habe ich nicht aufgepasst? Mein Messer? Nein, es ist nicht
da; ich habe es in der Küche liegen lassen, nachdem ich mit
Gottfried gesprochen hatte.
Als ich damals mit dem Messer nach
Hause ging, die Wohnung aufschloss und mit dem mit roten Tupfen
übersäten Mantel in die Diele trat, hörte ich es auch. Damals riet
es mir, alle Sachen sofort zu verstecken um sie anschließend zu
verbrennen. Im Keller meines Nachbarn Petersen legte ich die Sachen
ab, badete ausgiebig, obwohl es schon sehr spät war und ging dann
ins Bett. Gegen 2.00 Uhr morgens weckte mich die Polizei um mir
mitzuteilen, dass mein Mann offenbar von Drogenjunkies ermordet
worden war. Anders könne man sich die ungeheure Brutalität nicht
erklären; auch dass er seine Papiere bei sich hatte, war
ungewöhnlich.
Jetzt, haben sie es bemerkt? Jetzt
ist es wieder hinübergehuscht; dort drüben, unter den Tisch. Ich
sehe die funkelnden Augen und es schimmert etwas im Licht der
Straßenlaterne. Hat es etwas in der Hand? Sieht aus wie ein Messer
und ich rieche es, sehe es und kann seine bösen Gedanken lesen. Es
will mich vernichten! Aber ich weiß mich zu wehren, komm nur her.
Sehen Sie? Es traut sich tatsächlich aus der Deckung des Tisches und
: es hat das Messer! Na, dann komm und ich zeige dir, wie ich mich
wehren kann,…
„Grauenhaft; sie hat es selbst
gemacht, oder? Sie hat sich selbst mit dem scharfen Messer so übel
zugerichtet."
Kommissar Tammen war blass und sein
Assistent hielt sich am Türrahmen fest, blutleer das Gesicht.
„Warum denn nur?" fragte er
stammelnd.
„Wenn der Sohn nicht angerufen hätte,
dass er sich Sorgen um seine Mutter macht, hätten wir es nicht so
schnell bemerkt. Gut, dass die Kollegen von der Streife gleich
vorbei gefahren sind."
„Und ihr Mann? Hat der nichts damit
zu tun? Sind Sie da ganz sicher?" Zweifelnd wandte sich Assistent
Schilbach an den Herrn Kommissar.
„Ganz sicher! Er lebt seit 15 Jahren
in Tübingen, hat sich damals bei Nacht und einem schweren Gewitter
mit seiner Freundin abgesetzt, weil er ihre ständigen Bevormundungen
und Selbstgespräche nicht mehr ertragen hat. So viel haben die Söhne
erklärt; sie stehen in ständigem Kontakt zum Vater. Er war zur
Tatzeit 800 Kilometer entfernt von hier und kann es nicht gewesen
sein. Sie muss einfach den Verstand verloren haben."
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| Männer |
Der morgendliche Weg zur Arbeit
verläuft für uns alle ja irgendwie ähnlich: sind wir gut drauf,
fließt der Verkehr schneller und geschmeidiger als sonst, wir kommen
eher ans Ziel, sind weniger gestresst und die Kolleginnen und
Kollegen nerven nicht, der Chef schon gleich gar nicht.
Sind wir aber schlecht drauf, haben
schlecht geschlafen schon Krach am Morgen mit unserem Partner, dann
dauert die Fahrt zur Arbeit mal wieder zu lange, die Ampeln sind
falsch geschaltet, es sind nur unfähige Mit-Zur-Arbeit-Fahrer
unterwegs und wir bekommen die schlimmsten von ihnen ab. Die
Kollegen sind miesepampelig und der Chef hat eine Laune, dass der
Tag schon am Morgen gelaufen ist…
Kennen wir alle!
Auf meinem morgendlichen Weg zur
Arbeit durch die engen und kurvenreichen Straßen Angelns geht es mir
ebenso: Vorbereitung auf den kommenden Arbeitstag, was wird mich
wohl erwarten? Bin ich gut gerüstet? Währenddessen fahre ich
konzentriert und aufmerksam auf den Straßen.
Männern wird ja oft vorgeworfen,
dass sie nicht mit zwei Tätigkeiten gleichzeitig belastet werden
dürfen, weil sie dann unausweichlich die Orientierung verlieren:
Gleichzeitig den Rasen zu mähen, mit dem besten Freund zu
telefonieren und
die Einkaufsliste für den Grillabend vorzubereiten sind für Frauen
tägliches Einerlei, während Mann entweder abstrakte Figuren
in den Zierrasen mäht, weil er von seinem Freund hört, dass
Christian Ronaldo für 93 Mio Euro nach Madrid verkauft wird und ihn
diese Summe vollkommen überrascht und er über die Grundstücksgrenze
hinaus auch den Rasen des Nachbars mäht, während er überlegt, wie
viele Würstchen und wie viel Bier zum Grillabend und wo zu besorgen
sind… würde einer Frau nie passieren: sie erteilt klare Aufträge:
Erst Rasen mähen, vergiss‘ nicht,
den Rasenmäher abzubürsten und sauber zu machen, dann kommst du
rein, ich habe noch einen Auftrag für dich. Sie ist klug und erteilt
den Folgeauftrag nicht sofort, denn sonst ist beim Nachbarn gemäht,
aber nicht im eigenen Garten…
Also, ich kann gleichzeitig auf dem
Weg zur Arbeit meinen Arbeitstag planen, auf die Straße achten und
bekomme auch noch die Schönheiten der angelitischen Landschaft
mit…wenn ich nicht gerade unachtsam war und einem Trecker oder wild
knatternden Moped ausweichen muss.
Dann also die Lindaunisbrücke; jeden
Morgen ein Ärgernis, wenn ich schlecht drauf bin; ansonsten eine
wunderbarer Ausblick auf die träge sich verteilende Schlei.
Anschließend landschaftlich erfreuliches Fahren über Hestoft und
Ulsnis, abbiegen bei Affegünt und ab nach Kiesby. Auf dieser
Strecke, einer kleinen Landstraße unterster Ordnungskategorie, ist
immer etwas los. Sie wird von den Schülern als Rennstrecke für
aufgebohrte Roller benutzt, von frühmorgendlichen Spaziergängern mit
Hunden und auch Jogger mit Knöpfen im Ohr verirren sich hin und
wieder auf die Straße.
Nach einer nicht ungefährlichen,
weil schlecht einsehbaren und in einer Senke gelegenen Kurve steht
unter einer weit ausladenden Eiche eine rustikale Bank, gestiftet
von den
Mohrirchener Lerchen, einem gemischten Chor, wie ich bei
einem Stopp einmal auf dem groß auf der Bank angebrachten Schild
lesen konnte.
Hier muss ich mich auf den
Straßenverlauf konzentrieren, denn auch Rehe kreuzen hier hin und
wieder unmotiviert.
Als im September letzten Jahres die
Schule wieder begann, saß auf dieser Bank ein Mann, dem ich zunächst
keine weitere Beachtung schenkte; ich kannte ihn nicht und er
erwiderte auch meinen Gruß nicht.
Am nächsten Morgen saß er wieder
dort, auf der Mohrkirchener Lerchenchorbank; ich erkannte ihn
nicht sofort wieder, denn er trug jetzt andere Hosen und einen
Pullover, aber an der Haltung meinte ich, ihn wiedererkannt zu
haben.
So ging es den ganzen September
lang; ich sah morgens den Unbekannten auf der Bank sitzen: er schien
an nichts Weltbewegendes zu denken und schaute in die Landschaft.
Auf mein freundliches Grüßen, Winken mit der Hand oder Kopfnicken
reagierte er nicht.
Im Oktober begann ich, schon vor
Antritt meiner Fahrt zu überlegen, was er wohl heute tragen würde:
wieder das karierte Hemd? Regenjacke mit Pudelmütze? Stiefel oder
Turnschuhe? Er war mir vertraut geworden und ich gab ihm den Namen
Eduard; Eduard passte zu ihm fand ich. Ist er wohl verheiratet und
hat er Kinder? Enkelkinder? Wie alt ist Eduard? Spricht er deutsch?
Er sieht jedenfalls aus, wie ein Mann aus der hiesigen Gegend: Mitte
30 oder 40, aufrecht sitzend, mit markanten Gesichtszügen und einem
leicht abwesenden Gesichtsausdruck, der manchmal durch das Tragen
einer Sonnenbrille verdeckt war.
Auch wenn es regnete: Eduard saß
dort.
Ende Oktober begann Eduard, mich
hinter der Bank stehend und auf die Rückenlehne aufgestützt, zu
erwarten. Diese Veränderung nahm ich sehr wohl war, auch, dass er
mich immer noch nicht grüßte, obwohl ich jetzt jeden Morgen hupend
und winkend an ihm vorbei fuhr.
Eduard und seine 4 Kinder, seine
liebevolle Ehefrau Klarabella, die ihn schon früh aus dem Haus
schickte, damit sie in Ruhe den Haushalt machen konnte, während er
sich meditierend auf seinen Arbeitstag vorbereitete, waren ein Teil
meines Lebens geworden. Ich brauchte Eddi zum Tagesbeginn: er
strahlte etwas Verlässliches und Besonnenes aus; ich fühlte auch,
dass wir Brüder im Geiste waren. Wie sonst waren die
freundschaftlichen Gefühle für ihn zu erklären?
Die Familienverhältnisse, die ich
ihm in Gedanken verpasste, konnte ich natürlich nicht recherchieren,
aber ich war mir sicher: so musste es sein: verheiratet, 4 Kinder
vielleicht hatten sie auch eine Katze? Einen Hund jedenfalls nicht,
denn den hätte die umsichtige Klarabella mit Eduard zusammen aus dem
Haus geschickt; wäre ja ein Aufwaschen gewesen.
Mittlerweile hatte ich das Gefühl,
dass Eduard mein fröhliches Hupen und Winken mit einem freundlichen,
vorsichtigen Zurückwinken quittierte: er hatte angebissen und
bemerkt, dass auch ich morgens regelmäßig hier vorbeikam und uns ein
unsichtbares, freundschaftliches Band zusammenhielt.
Anfang November gab es einen schönen
Herbstausklang und jetzt stand auch Klarabella häufig neben ihrem
Eduard, redete freundlich mit ihm und winkte zurück, wenn ich hupend
vorbeifuhr. Mir war das nicht so recht, denn ich glaubte, Eduard
bräuchte seine morgendliche Ruhe in der Natur und war nicht so
besonders von ihrer Begleitung begeistert. Sie sollte ihm ruhig
seine Ruhe lassen! Als Abteilungs- und Kundendienstleiter im
Baumarkt Süderbrarup, zuständig für die Holzabteilung, hatte er
genug zu tun. Genervte und überforderte Heimwerker bedrängten ihn
täglich und der Umgang mit den Kunden stresste ihn bestimmt, dachte
ich. Er brauchte seine morgendliche, Kurven-und-Bank-Meditation…und
war erfreut, mich als einen ruhigen ständig wiederkehrenden
Teil seines Lebens zu begrüßen.
Ich fand mich in der Zeit
ausgeglichener in der Schule, konnte mich leichter auf die
unterschiedlichen Situationen einlassen und glaubte, souveräner zu
reagieren. Das führte ich eindeutig auf die morgendliche Begegnung
mit Eddi zurück, dem ich mittlerweile meine Sorgen telepathisch
übermittelte und als feedback seine Absolution und sein grenzenloses
Verständnis spürte; eine schöne Männerfreundschaft! Wir verstanden
uns ohne viele Worte und unsere Ehefrauen hätten bestimmt auch
Gefallen aneinander gefunden. Es wurde Zeit: ich wollte ihn jetzt
einmal zu mir einladen.
An einem sonnigen Donnerstag im
November fuhr ich dann rechts an den Straßenrand, schaute mich um
und ging hinüber zu Eduard und seiner Klarabella, die mir freundlich
entgegen lächelte. Mein Freund war zurückhaltender und versteckte
sich hinter der Sonnenbrille; sein Gesichtsausdruck war
unergründlich. Ich kam näher, als Klarabella mich ansprach:
„Guten Morgen! Schön, dass Sie
endlich einmal anhalten. Wir bauen unser Experiment morgen ab und
werden unsere Puppe hier wieder in den Fundus zurückbringen. Es
haben während der zweieinhalb Monate insgesamt 15 Männer den Weg zu
Karlchen und mir gefunden."
Mein Gesichtsausdruck muss mein
völliges Unverständnis und meine Ratlosigkeit nicht besonders gut
wider gegeben haben, denn Klarabella sprach weiter: "Ach
entschuldigen Sie bitte: Freudenberg, Erika Freudenberg, ich bin
Künstlerin und beschäftige mich Reaktionen von Menschen auf
Kunstobjekte. Die Schaufensterpuppe Karlchen
haben wir Anfang September hier aufgebaut und wollten sehen, wie die
Menschen eine Schaufensterpuppe in einer völlig anderen Umgebung
annehmen, auf sie reagieren. Sie haben unser Team
beeindruckt, weil sie gleich herausgefunden hatten, was wir hier
machen und uns sogar freundlich jeden Morgen begrüßt mit Winken und
Hupen. Da sind Sie auch der einzige gewesen; die meisten Menschen
gehen oder fahren hier kopfschüttelnd oder wegschauend vorbei…
Unsere Ausstellung wird in Schloss
Gottorf im nächsten Jahr zu sehen sein. Wir zeigen dann auch kleine
Filme von den Menschen und ihren Reaktionen auf Karlchen. Wir haben
Sie
natürlich auch gefilmt und möchten ihre Reaktion gerne zeigen; sind
Sie damit einverstanden? "
Copyright © Nicolaus Kessener 2010
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Weißdorn und Linde
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„Büss du een Magier?" fragte Anna schüchtern. Der fremde Mann war es schon gewohnt, betrachtet und angestarrt zu werden und machte sich nicht viel daraus. Im Jahr 1897 war es ungewöhnlich, wenn Männer mit Hand- oder kleinen Pferdewagen durch die Dörfer tingelten und Fotografien, Medizinische Wundermittel und allerlei Haushaltsgeräte zum Verkauf anboten. Ein „Höker" war ein Händler, der Dinge des täglichen Lebens zum Verkauf in die entlegenen Winkel Schleswig Holsteins brachte. Mit ihren 14 Jahren war Anna die älteste der drei Geschwister und musste stets auf Johanna aufpassen, ihre 6jährige Schwester. Johanna war ihr besonders ans Herz gewachsen, auch wenn sie von Vaters zweiter Frau, Magdalena war. Anna war 7 Jahre alt gewesen, als ihre Mutter starb; Keuchhusten und keine Medizin. Der Doktor konnte nicht kommen, weil im Winter die Wege so verschneit waren und von Eckernförde kein Pferde- oder Ochsenfuhrwerk Richtung Kochendorf fahren wollte. Ihr Vater Cornelius hatte sich verzweifelt auf den Weg gemacht, Hilfe zu holen, blieb aber in den Schneewehen rund ums Windebyer Noor stecken. Auch die anderen Wege nach Eckernförde waren ihm versperrt. Selbst durch den Schnaaper Wald, über die Wassermühle, gab es kein Durchkommen. Der Wind trieb den Schnee vor sich her und backte und klebte ihn fest an Bäumen, auf Wegen und Sträuchern. Sie mussten tüchtig heizen und bald war der Vorrat an Holz aufgebraucht. Cornelius war während des Sommers und Herbstes zu beschäftigt gewesen, nach dem Holz zu schauen und Vorräte für den Winter anzulegen. Seine Frau Johanna-Gesine war schon kränklich und konnte nur die notwendigsten Arbeiten ausführen. Aber, sie hatte sich nach einem längeren Gespräch mit der „Huushöllerschen" Magda, einer aus Flensburg stammenden alten Frau entschlossen, eine „Feenhecke" zu pflanzen. Die Weißdornhecke sollte den Elfen und Feen Platz bieten, sich auszubreiten und ihnen ein Heim bieten. Magda, nicht nur „Huushöllersche" sondern auch „Spökenkiekerin" eine Frau, der die Fähigkeit zum zweiten Gesicht nachgesagt wurde, wusste nur zu gut darüber Bescheid, wie man den Wesen, die die Menschen nicht sehen konnten, eine Heimstatt bereitete. „Lot se man; iss ja man nicht schlecht gegen de Wildswiene". Cornelius konnte seine insgeheime Furcht vor den Mächten, die er nicht verstand, kaum verbergen. So ließ er seine Frau schalten und hoffte, auf diese Weise Ruhe zu haben vor unliebsamen Katastrophen. Die Linden pflanzte er selbst und Johanna-Gesine war sehr erfreut, dass Cornelius einem so magischen Schutzbaum Platz vor dem Haus gab. Nun konnte nichts mehr geschehen, dachte sie; auch wenn sie schon stark hustete, die kleine Anna an der Hand und schwanger mit Tjark. Durch das „Köpfen" das Abschneiden der Linden, wenn sie eine bestimmte Höhe erlangt hatte, wuchsen neue Triebe, die wiederum „geköpft" wurden, wenn sie eine bestimmte Höhe erreicht hatten. Die Folge waren Lindenhecken oder starke Lindenbäume mit vielen Seitentrieben, wie auch um das Haus des Stellmachers. Die Hecken aus Linden und Weißdorn waren sommers eine Pracht und gediehen üppig. „Kumm man nich to nah heran, wenn’t duster iss" wusste die alte Magda aus Flensburg. Die Dänen und Schweden vermuteten Elfen und Feen in den Linden und wollten sie auf keinen Fall stören. Für Cornelius waren die schnell und stark wachsenden Bäume ein Zeichen der Kraft seines Hofes. „Nee, ik bünn man blots een Fotografiermensch und kumm ut Rendsburg". Harald Randers war es gewohnt, dass er gerade von den Kindern mit Ehrfurcht behandelt wurde. Sie glaubten, dass in seinem Handwagen, mit dem er durch die Lande zog, sich viele unerklärliche und zauberhafte Dinge befanden. Dabei war es ganz einfach: Als Reisefotograf musste er immer ein Dunkelkammerzelt dabei haben, um die Fotografien sofort bearbeiten zu können. Wenn er zu lange wartete, wurde die Qualität der Abzüge schlecht. „Ik wull een Bild moken von din Vadder und dat schöne Huus mit de Hecke. Din Vadder har sech, he wullt mi ok betahlen", und dabei lachte Harald Randers, dass Anna ihre Scheu verlor. „Vadder is in de Werktstatt" sprudelte es jetzt eilig aus ihr hervor, während sie Johanna fest an der Hand hielt. „Und din Modder?" „Se is in Eckernför un kummt hüt nich mehr torück", Anna hatte Vertrauen gefasst zu dem lustigen Menschen mit der komischen Kleidung und dem Handwagen voll mit seltsamen Gegenständen. Als Vater Cornelius mit gemessenen Schritten aus seiner Werkstatt zu der kleinen Gruppe trat, hatte er seinen besten Rock angezogen. Ungewöhnlich fand Anna das, sagte aber nichts. „Anna, wo is Tjark? Kiek mol nach em und roop em. Ik wull, dat he mit us tosomen up de Fotografie kummt." Eine Fotografie? Vater wollte ein Bild mit ihnen allen machen? Jetzt war Anna begeistert und ihre Zöpfe flogen. Schnell hatte sie Tjark gefunden und sich ihre beste Schürze angezogen. Die Haare zum Knoten auf den Kopf gesteckt und der Kleinen die Nase geputzt, standen sie da. Bruder Tjark musste Abstand von seinen Schwestern halten, damit keiner auf die Idee kommen konnte, er würde sich von Anna etwas sagen lassen. „Nu müsst ihr pielliek stahn, all tosomen. Cornelius, bliv man dor stahn un hol din Arm över dat Gatter, dann süht dat ut alls wollst du wiesen, dat dat din Huus iss." Harald Randers stellte die Familie zusammen und wollte gerne, dass sie enger zusammenrückten, aber Cornelius beharrte auf seiner Stellung als Hofbesitzer, die sich deutlich zeigen sollte. Auch Tjark wollte deutlichen Abstand zu seinen Schwestern halten, wenn er sich auch den Hut auf den Kopf setzte, die Sonntagsbüx anzog und die viel zu großen Stiefel gerne und stolz präsentierte. Und der Platz zwischen Anna und ihrem Vater? Er blieb unbesetzt, denn sie wollten ihn der zu früh verstorbenen Mutter und ersten Ehefrau erhalten… …110 Jahre später: Seit 25 Jahren wohne ich mit meiner Familie in diesem Haus. Wir haben es umgebaut und unseren Wünschen und Bedürfnissen angepasst. Es hat uns die Änderungen nicht übel genommen. Geduldig haben das Haus und seine innewohnenden guten Geister alle Wandlungen mitgemacht und uns ein richtiges Heim gegeben. Die Feenhecke? Sie steht noch und wird mit guten Gedanken und meiner Heckenschere in Form gehalten. Die Linden? Nur an dem Platz, an dem das Gatter stand, auf das sich Cornelius lehnte –der natürlich ganz anders hieß- gibt es eine weit verzweigte Lindenhecke; alle anderen Linden sind im Laufe der 110 Jahre verschwunden. War etwa alles so vor 110 Jahren, wie ich es beschrieben habe? Nein, wohl nicht; aber es hätte so sein können! Dankbar sind wir für die reiche, schöne und intensive Zeit, die wir mit unseren sechs Kindern in diesem Haus bis heute verleben dürfen…. © Nicolaus Kessener 2010 |
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Glossar: Büss du een Magier? : Bist du ein Zauberer? Noor : Das Wort Noor leitet sich vom dänischen
Nor ab und bedeutet so viel wie "http://de.wikipedia.org/wiki/Haff"
"Haff" Huushöllersche : Haushälterin Spökenkiekerin : Eine Frau, die in die Zukunft sehen kann, das "zweite Gesicht" hat. „Kumm man nich to nah heran, wenn’t duster iss" : Komm nicht zu nah heran wenn es dunkel ist. „Ik wull een Bild moken von din Vadder und dat schöne Huus mit de Hecke. Din Vadder har sech, he wullt mi ok betahlen", Ich will ein Bild machen von deinem Vater und dem schönen Haus mit der Hecke. Dein Vater hat gesagt, er will mich bezahlen. „Nee, ik bünn man blots een Fotografiermensch und kumm ut Rendsburg" : Nein, ich bin nur ein Fotograf und komme aus Rendburg. „Und din Modder?" „Se is in Eckernför un kummt hüt nich mehr torück", Und deine Mutter? Sie ist in Eckernförde und kommt heute nicht mehr zurück. Anna, wo is Tjark? Kiek mol nach em und roop em. Ik wull, dat he mit us tosomen up de Fotografie kummt." Anna, wo ist Tjark? Schau nach ihm und ruf ihn. Ich will, dass er mit uns zusammen auf das Foto kommt. „Nu müsst ihr pielliek stahn, all tosomen. Cornelius, bliv man dor stahn un hol din Arm över dat Gatter, dann süht dat ut alls wollst du wiesen, dat dat din Huus iss." Nun müsst ihr ruhig und sehr gerade stehen bleiben. Cornelius, bleib mal da stehen und lege deinen Arm über das Gatter; dann sieht das genau so aus, als wolltest du uns beweisen, dass das hier dein Haus und Grund ist. |
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